Kaiser Marathon – Tour de Tirol 2018 – Söll am Wilden Kaiser

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EINMAL KAISER SEIN ….

Ich zündete am Berg die Rakete

Bereits ein paar Tage vor diesem Rennen sagte ich zu meiner Frau: dieses mal wird es in meiner AK SEHR schwierig werden, mich zu schlagen, ich bin verflixt gut drauf. Dem entsprechend war ich auch scharf auf diesen Marathon.

Tage zuvor war eine unserer Töchter etwas „down“ – also munterte ich sieauf und zeigte ihr 2-3 Minuten im Auto fahrend, wie ich mich bei einem Wettkampf motiviere. Sollte als Aufbau für die Tochter dienen, erfüllte aber doppelten Zweck, denn am Ende dieser 3 Minuten war ich selbst auch nochmals viel gieriger auf diesen Wettkampf als vorher.

Wetter super, ich am Start wie ein Rennpferd in den Boxen, habe mich selbst angefeuert, AUCH wenn ich wusste, dass ich die ersten 8 km (ziemlich flach) äußerst ungünstige Schuhe habe und wohl auch nicht sonderlich schnell sein werde, da mein Trainingsschwerpunkt dem Berg galt. (rund 5.000 hm bei ca. 100 km) …. auf geht’s.

Die ersten 8 km bei 177 hm mit einer Zeit von 35 Minuten. 4:22/km -> natürlich zu langsam. Platz 31, der mir nicht bekannt war, aber gefühlt war ich 50ster.

Jetzt trat Ernüchterung ein. Dass ich derart hinten nach hinke, hätte ich doch nicht gedacht, auch wenn ich nicht alles gab und es dosiert angehen wollte. Aber jetzt kam meine Zeit – jetzt zündete der Südtiroler die Rakete! Eine Weile ging es kurz bergauf, dann wieder runter. Ich packte das nun an wie in der Formel 1. Raufwärts richtete ich mir quasi den jeweils vor mir liegenden Läufer zurecht, runterwärts überholte ich ihn. Das war einfach NUR COOL. Dann sehr langer Anstieg, fester schlammiger Waldweg, ich sah vor mir wie auf einer Perlenkette 5-6 Läufer – jeder ca. 50 Meter hinterm anderen und die waren alle mehr oder weniger gleich schnell, nur ich war eindeutig schneller. Hier flippst du dann fast aus, wenn du sieht, das Ding geht ab. Ich konnte es gar nicht erwartten ran zu kommen und vorbeizuziehen.

Ein einziger zog aber ähnlich weg wie ich – von „La Sportiva“ ein M35 Werksläufer, wie ich nachher im Ziel in Erfahrung brachte. Für mich war klar – der ist im Bereich des Möglichen – den kriegst du noch. Das half mir. Der zog mich förmlich an. Dann passierte es: der hielt tatsächlich an der Labestation an. Ich hingegen – wie immer, laufend 1-2 Becher Wasser schlürfen und ab die Post.
Jetzt aber ran – es war mir klar, der darf mich nicht mehr kriegen – lauf was du kannst.

Das aber meine beste Zeit noch vor mir liegt, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ein langes Bergabstück, Traktorweg, technisch nicht sehr anspruchsvoll. Leute, ihr könnt euch nicht vorstellen, was da abging. Ich glaube, ich spinne, ich zog da an Mitbewerbern vorbei, als ob das Wanderer wären, 2 mal drehte ich mich um zu schauen, ob die schon eine Startnummer haben. Meine Uhr zeigt eine Höchstgeschwindigkeit von 31,5 km/h an. Selbst wenn die etwas lügt, aber noch nie in meinem Leben hatte ich bergab so einen Speed, ich überrannte die Mitbewerber buchstäblich. Kenne die andere Seite auch, wo ich mal bergab langsam war. Wenn da einer so an dir vorbeizieht, siehst du richtig alt aus.

Ich zählte zwar fleißig meine 24 Überholungen, kannte deshalb aber meine Position nicht, welche mir nun ohne zu fragen ein Zuschauer „bist 7.“ verriet. Ja Wahnsinn!

Am letzten Drittel wurde es einsam. Vor mir und hinter mir Totenstille. Volltreffer – in solchen Situationen verlauf ich mich gern – und natürlich habe ich wieder zugeschlagen.1x 90 Grad falsch abgebogen (da verlor ich aber nur ca. 20 Sek),  bei km 40,5 musste ich aber sogar anhalten, um mich zu orientieren. Da stand ich etwas ratlos da, und fragte mich „was tust du jetzt? warten, bis Verfolger kommt “ …. dann hast du vielleicht eine Kette hinter dir, läufst du die Straße bergab und liegst falsch, ist die Sache endgültig gegessen und du bist raus, also lauf 10 Meter zurück und nimm den Wanderweg, welcher bergauf führt. Dieser endete nach 30 Metern in Kuhfladen und Sumpf …… „scheiße scheiße, ich muss runter auf die Straße, ich bin falsch unterwegs. Ich schrie runter zu einem Wanderer – der kannte sich aus –  „ja, die Straße wäre richtig“.

Also runter auf Straße und Volldampf. Gott sei Dank hatte ich  schon so viel Vorsprung rausgeholt, dass sich diese ca. 1 Minute, welche ich verlor, nicht auf meine Platzierung auswirken dürfte. Aber nun sah ich beim letzten Aufstieg einen Verfolger – der „La Sportiva Mann“ kam wieder – aber er kam nicht wirklicht näher, cool – das geht sich aus.

Ich kam recht fit im Ziel an. Nach 10 Minuten war die Regeneration mehr oder weniger abgeschlossen – kein Drücken, keine Blase, kein…. NICHTS….. Sagte zu meiner Frau: wenn ich heute nicht 1. in meiner AK bin, dann ziehe ich 5x den Hut vom Gewinner. Es ging sich aber locker aus – 10 Minuten auf 2. und 25 Minuten auf 3. platzierten – dazu noch unter 4 Stunden.

FAZIT: Einfach ein gewaltiges Ergebnis für mich selbst, wo man gerne die Zeit anhalten würde, denn wenn man bei 500 Finishern „aus der halben Welt“ den 7. Platz belegt, dann ist man mit 52 Jahren schon überglücklich. In meinem Alter freust Du Dich darüber, dass diese Form nicht nur dem harten Training, sondern auch dem Glück der völligen Gesundheit zu verdanken ist. Ich kostete den Moment aus, denn Du weißt nie, wann derartige top 10 Platzierungen auf internationaler Bühne der Vergangenheit angehören werden.

Jetzt schaun wir mal, was die Zukunft bringt und sind dankbar für das Erlebte. Irgendwann mal die AK 80 zu gewinnen ist ja immer noch ein Anreiz, wenn es keine 31,5 km/h bergab mehr geht und man auch keine Rakete mehr bergauf ist – dann zünden wir halt das Feuerzeug an und singen: „siera madre“.

  1. Uwe Peters12-10-2018

    Lieber Hermann,
    Es ist immer wieder schön und motivierend, deinen Blog zu lesen. Weiter so. In der M 80 zu gewinnen, ist sicher einfacher, da dort oft nur ankommen reicht, um auf’s Treppchen zu gelangen. Ich laufe jetzt in der M 60 und sehe, wie die Konkurrenz deutlich zahlenmässig abnimmt.
    Euch frohe Festtage und einen guten Rutsch.
    LG Uwe

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